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Ausgabe 111

Der Maler Max Mannheimer lebte im Moment

Kerstin KELLERMANN


Ein Nachruf auf einen sehr lebendigen und liebevollen Menschen, der fünf Konzentrationslager überlebte und nun mit 96 Jahren schnell und doch unerwartet starb.

Max Mannheimer, der sich als Maler „ben jakov" (in Erinnerung an seinen ermordeten Vater Jakov) nannte, war ein echter Vorreiter, was „The Art of the Holocaust" betrifft - einer der wenigen Überlebenden, der komplett abstrakte Kunst zu den ewig menschlichen Themen Leben und Tod machte. Noch eine Woche vor seinem Tode freute sich Mannheimer in einem Telefonat darüber, dass ein abstraktes Bild von ihm direkt neben den Wassily Kandinskys im Gabriele Münter-Haus in Murnau hängt. Eine späte Ehrung und der Gipfel des malerischen Zenits für Max Mannheimer. Sein Leben hat sich trotz fünf Konzentrationslager und dem Zusammenbruch in Amerika, als er ein Hakenkreuz auf einer Insel wegkratzen wollte, in Ohnmacht fiel und auf der Psychiatrie aufwachte, gelohnt. Doch auch sonst: Mannheimer fand den Menschen „trotz aller schlimmen Dinge, die er gemacht hat", das „interessanteste Studienobjekt überhaupt" und das merkte man auch im Umgang mit ihm. Immer zu Scherzen aufgelegt, freundlich und manchmal würdig-streng, nahm er jeden Menschen einzeln wahr. Er lebte im Moment und genoss ihn. Geistig klar bis zu seinem Tode am 23. September 2016 mit 96 Jahren, verwand er auch die Enttäuschung, nicht mehr in sein Atelier im Keller gehen zu können. Es gab keinen Lift für seinen Rollstuhl, also zeichnete er im Erdgeschoss seines Hauses mit Filzstiften und Küchenutensilien weiter. h111_045

Max Mannheimer: Spätes Tagebuch, Theresienstadt – Auschwitz – Warschau – Foto: Heiko Kilian Kupries
Dachau, Piper 2000

Auf dem Bild auf dem Foto sieht man „eine Synagoge, die auch eine Moschee oder eine Kirche sein könnte". In die könnten alle Menschen gemeinsam gehen. Dünkel waren Mannheimer fremd und er war ganz stolz auf seine Idee eines religiösen Hauses für alle. Thomas Frankl, Sohn des Malers und Auschwitz-Überlebenden Adolf Frankl, lernte Mannheimer auf einer Gedenkveranstaltung in Dachau kennen. „Wir trafen uns dann immer im Restaurant Cohens in München. Er redete tschechisch, ich slowakisch, denn er war ja in Neutitschein geboren. Zur Geburtstagsfeier für Jochen Vogel hatte ich ihn gerade noch gesehen und besuchte ihn vorher zu Hause. Sein Bruder hatte ihm zu seinem 70-er das Auto Tatra Ryba, ein Modell mit Heckflossen, geschenkt." Nur mit Hilfe der Liebe dieses Bruders hatte er die KZs überlebt, meinte Mannheimer einmal, ohne seinen Bruder hätte er sich und sein Leben aufgegeben. „Er war einer der Überlebenden, die sehr aktiv sind, und trotz seines jungen Alters ein wertvoller Zeitzeuge", meint Frankl in der Zidovska ulica sitzend, denn er feierte hier in Bratislava gerade seinen Geburtstag. Eine vierspurige Strasse führt durch das ehemalige Ghetto, die Synagoge wurde unter der Strasse begraben, doch die eine Seite, die eine Hälfte der Strasse ist noch erhalten. „Er erinnerte mich mit seinen Haaren immer an den Präsidenten Ben Gurion", scherzt Frankl noch, der einen Freund verloren hat. „Wir haben uns gegenseitig Witze erzählt, zumeist auf tschechisch." 

Die Karmeliterschwester Elija Bossler vom Karmeliterorden in Dachau hat noch vor kurzem einen sehr schönen, äusserst sehenswerten Katalog zusammengestellt, sie durchsuchte sein Bilderarchiv zu diesem Zweck und brachte bisher unbekannte Bilder ans Licht der Öffentlichkeit. Max Mannheimer wird uns allen sehr fehlen.  

Literatur

Max Mannheimer: The Marriage of Colours, Hirmer 2016, Edition Jürgen B. Tesch, Herausgegeben von Gottfried Knapp