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Ausgabe 111

Reise nach Jerusalem

Schlomo Hofmeister, Gemeinderabbiner Wiens, im Interview

Tina WALZER


Im Juni 2016 erschien das neue Buch des Wiener

Gemeinderabbiners Shlomo Hofmeister. Er verfasste es gemeinsam mit dem Generalsekretär der Islamischen Seelsorge der Islamischen Glaubensgemeinschaft Österreichs sowie Generalsekretär der Islamischen Gefängnisseelsorge, Imam Ramazan Demir. Die beiden Autoren schildern darin ihre Eindrücke von ihrer aussergewöhnlichen, gemeinsamen Unternehmung und erläutern daran das Verhältnis zwischen Judentum und Islam. Damit liegt ein moderner und hochaktueller Beitrag zum jüdisch-muslimischen Dialog vor.h111_046

DAVID: Ein Rabbi und ein Imam reisen gemeinsam nach Jerusalem und erörtern vor Ort etwaige Gemeinsamkeiten. Doch: Hat Jerusalem für das Judentum nicht mehr Bedeutung als für den Islam?  

Hofmeister: In der Thora selbst wird Jerusalem wörtlich nicht erwähnt, aber es wird beschrieben. Im Koran gibt es weder eine Erwähnung, noch eine Um- oder Beschreibung. Für den Islam ist lediglich der Felsendom von Bedeutung. Für die Juden ist Jerusalem das Zentrum. Sie beten täglich in Richtung Jerusalem.  

DAVID: Sie haben auf dieser Reise über Gemeinsamkeiten diskutiert, insbesondere darüber, was Ihre Funktionen als Rabbiner respektive Imam betrifft.  

Hofmeister: Sowohl der Rabbiner als auch der Imam sind Teile der Zivilgesellschaft und tragen somit das religiöse Moment in den Alltag. Im Judentum  und im Islam lässt sich die Religion nicht auf bestimmte Wochentage oder Orte festlegen. Die religiöse Praxis ist Teil des Alltags und damit auch in den scheinbar profansten Angelegenheiten des Lebens stets präsent. Rabbi und Imam  sind Schriftgelehrte und Experten in religiösen Fragen; mitunter haben sie auch Zusatzausbildungen, zum Beispiel zum Richter - Dayan - respektive Kadi. 

Im Unterschied zum Christentum gibt es keinen Klerus oder ein Klosterleben. Weder der Rabbi noch der Imam leiten den Gottesdienst, denn es gibt keinen Mittler zwischen Mensch und Gott. 

DAVID: Mindestens was die Grabstätten betrifft, gibt es ein gemeinsames Vorgehen im Heiligen Land. 

Hofmeister: Ja, es ist insgesamt ein Phänomen, dass wir im gesamten Heiligen Land die Grabstätten von Persönlichkeiten aus dem biblischen Kontext dann genau lokalisieren  können, wenn sie auch für den Islam von Bedeutung sind. Da gibt es dann eine Kontinuität in der Verehrung dieser Stätten. Wenn so manche Gegend von den Kreuzrittern „judenrein" gemacht wurde, waren es die Muslime, die sich um die Pflege dieser Grabstätten gekümmert haben. Das bedeutet, man kann davon ausgehen, dass es sich tatsächlich um das Grab der besagten Persönlichkeit handelt, da die Tradition der Verehrung nie unterbrochen worden ist. 

In anderen Religionen ist es anders. Da gibt es einen Mythos, oder eine Legende: zumeist verdankt diese sich dem wundersamen Traum oder der himmlischen Eingebung von irgendjemandem, der dann als Garant dafür genommen wird, dass es sich bei einem Ort um diese oder jene heilige Stätte handelt. Dies ist sowohl für den Islam als auch das Judentum undenkbar. Entweder haben wir eine gesicherte Traditionskette, etwa über ein Grab, oder wir nehmen hin, dass es verloren ist, wir also nicht mehr wissen, wo es sich wirklich befindet. 

DAVID: Juden können in Moscheen beten, dürfen aber keine christlichen Kirchen betreten.

Hofmeister: Das jüdische Recht erlaubt uns nicht, einen Ort zu betreten, an dem rituelle oder okkulte Dinge stattfinden, die uns als Juden verboten sind. Eine Kirche ist ein Ort, an dem Rituale stattfinden, die nach unserem Verständnis in den Bereich der Totenbeschwörung fallen, wenn etwa die Seele eines verstorbenen Menschen angerufen wird. 

In einer Moschee zu beten stellt für die Juden kein Problem dar. Schon Maimonides sagte, es sei für einen Juden,  der sich gerade zur Gebetszeit auf der Strasse befinde, besser, in eine Moschee zu gehen, um dort in Ruhe sein Gebet zu verrichten, denn eine Moschee ist lediglich ein Ort des Gebetes. 

DAVID: Also gibt es ja doch zahlreiche Gemeinsamkeiten, was den Verfechtern - eigentlich Erfindern - der Idee des gegenwärtig vielzitierten jüdisch-christlichen Abendlandes nicht ganz passen wird. Da wird der Versuch unternommen, das Christliche mit dem Jüdischen zu verbinden gegen das Muslimische, gegen den Orient - Das „Jüdisch-Christliche Abendland" - ein Kampfbegriff?

Hofmeister: Juden sind mehr als tausend Jahre lang im Namen des „christlichen Abendlandes" verfolgt und ermordet worden. Wenn man jetzt vom christlich-jüdischen Abendland spricht, blendet man all diese negativen Momente aus. In Wirklichkeit versucht man da eben eine Allianz zu konstruieren gegen den Orient, gegen eine befürchtete Islamisierung Europas. 

Die westlichen Werte sind vergleichsweise jung und haben mit dem Abendland wenig zu tun. Unsere demokratischen Werte haben auch nicht viel mit der Geschichte des Abendlandes zu tun, das bis vor kurzer Zeit weder frei noch demokratisch war. 

Uns ging es bei unserer Reise nicht darum, sich gegen irgendjemanden zu verbünden, sondern darum, Vorurteile aufzubrechen und zu demonstrieren, dass wir nicht gegeneinander sind, wiewohl wir zwei verschiedenen Religionen angehören. Es ging uns bei unserer Reise um das Thema Religion und um das Leben im Allgemeinen. 

DAVID: In den 1990er Jahren kam eine grosse Anzahl an bosniakischen Muslimen nach Österreich. Man hat sich damals um ihre religiöse Betreuung wenig gekümmert. Dabei hätte man in der Politik der Habsburgermonarchie wohl brauchbare Handlungsanleitungen finden können.

Hofmeister: Die bosnischen Muslime stellen die grösste homogene muslimische Gruppe in Österreich dar. Sie lebten in Bosnien einen auf europäischem Boden entwickelten Islam, übrigens das einzige Land in Europa, wo es das gab.  Die k.u. k. Verwaltung hat diesen Islam auch gefördert. Die Republik Österreich hätte sich das vergegenwärtigen, und eben diese europäische Variante des Islam fördern können. Das ist leider nicht passiert. 

DAVID: Herr Gemeinderabbiner, vielen Dank für dieses anregende Gespräch. Wir wünschen Ihnen viel Erfolg!

Nachlese: 

Demir Ramazan, Schlomo Hofmeister: Reise nach Jerusalem. Ein Imam und ein Rabbiner unterwegs. Amalthea Verlag Wien 2016.

208 Seiten, Euro 22,00.-

ISBN-13: 9783990500439

ISBN-10: 3990500430

Best.Nr.: 44982107