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Ausgabe 111

Kardinal Theodor Innitzer und die Hilfsstelle für nichtarische Katholiken

Annemarie FENZL


Auch heute noch kann es geschehen, dass in einem Gespräch über Kardinal Innitzer der Satz fällt: „Das war doch der mit dem ‚Heil Hitler!" Und weil es eine grosse Ungerechtigkeit ist und bleibt, Person und Wirken des Kardinals auf diesen Punkt zu reduzieren, soll hier wieder einmal an das Verdienst erinnert werden, das sich eben dieser Mann um jüdische Mitbürger erworben hat, in einer Zeit, da diesen das elementare Naturrecht auf Leben einfach abgesprochen wurde. 

Theodor Innitzer, geboren am 25. Dezember 1875 in Neugeschrei bei Weipert in Böhmen (heute Nové Zvólány, Vejprity, Tschechische Republik) 1902 in Wien zum Priester geweiht, hatte ab 1913 den Lehrstuhl für neutestamentliche Exegese an der Universität Wien inne und war 1928/29 Rektor der Universität. Schon als solcher nahm er jüdische Studenten vor Ausschreitungen deutschnationaler Kollegen entschieden in Schutz. Und 1936, bereits als Erzbischof von Wien, sagte er anlässlich einer Einweihungsfeier neuer Räume des Pauluswerkes in Wien: „In einer Zeit, wo der Rassenhass und die Vergötzung der Rasse ihre Triumphe feiern, ist es gut, wenn wir von der alten Kultur unsers Vaterlandes aus betonen, dass wir einen anderen Standpunkt einnehmen!"h111_043

Kardinal Theodor Innitzer.
Foto: Paula Witsch. Mit freundlicher
Genehmigung: Diözesanarchiv Wien.

Diesen klaren Worten folgte, als es notwendig wurde, auch die Tat. Nachdem verschiedene von ihm seit dem Mai 1938 privat unterstützte Hilfsorganisationen nach zahllosen Schikanen nahe daran waren, ihre Arbeit einzustellen, nahm er die im Dezember 1940 in seinem erzbischöflichen Palais eingerichtete „Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken", wie sie in der Folge heissen sollte, unter seinen persönlichen Schutz und beauftragten den Jesuitenpater Ludger Born offiziell mit der Leitung. Die Verantwortung aber trug der Kardinal, der auch persönlich ständigen menschlichen Kontakt mit den Mitarbeitern und Schützlingen der Hilfsstelle hielt, ganz alleine. Auf diese Weise war diese zugleich eher dem Zugriff der Gestapo entzogen, da man sich - wegen der Optik - doch scheute, solange es nicht unbedingt notwendig wurde, im Haus des Bischofs direkt einzuschreiten. Finanziert wurde die Hilfsstelle zum grossen Teil aus Geldern, die der Kardinal unermüdlich auf verschiedenste Weise auftrieb, sowie von den Jesuiten und einigen anderen Klöstern, und auch vielen Pfarren der Erzdiözese, die Geld und Naturalien brachten. 

Die alljährlich zusammengestellten, im Original von 1940 bis Kriegsende erhaltenen Tätigkeitsberichte der Hilfsstelle geben einen umfassenden Überblick über die Art und das Ausmass der Arbeit und der geleisteten Hilfe. Sie legen Rechenschaft über ein- und ausgegangene Geldsummen, über die Schule in der Grüngasse und über das Altersheim in der Töllergasse. Den Umständen entsprechend, erstreckte sich die Arbeit der Hilfsstelle zunächst auf Auswanderungshilfe, dann auf Hilfeleistungen verschiedenster Art im Zuge der Deportationen, und darüber hinaus auf die allgemeine Fürsorge, die buchstäblich alle Bereiche des menschlichen Lebens umfasste. Das Wichtigste war aber wohl, neben all diesem, die seelische Betreuung der Ausgestossenen. Bei der Fülle von Massnahmen und Verordnungen gegen die Juden, die sich oft überstürzten und von Tag zu Tag ändern konnten, kamen viele zur Hilfsstelle, um sich über den neuesten Stand informieren zu lassen: das ging von Auskünften über Transporte in den Osten, über Rechtsfragen in Wohnungs- und Schulangelegenheiten, über Vermittlung von ärztlicher Hilfe bis hin zu der Frage, wo in dieser Zeit ein „Nichtarier" bestattet werden könne. Dokumentenbeschaffung, Medikamente, Brillen, es gab nichts; was nicht an die Hilfsstelle herangetragen wurde. Das Vertrauen war grenzenlos, viele suchten aber auch nur menschliche Nähe und Gelegenheit zu einem persönlichen Gespräch in ihrer grossen Verlassenheit. 

Bis zur zweiten Hälfte des Jahres 1941 war eine Auswanderung noch möglich. Daher nahmen Beratung und Hilfeleistung in allen Auswanderungsangelegenheiten einen breiten Raum ein. Am 1. Oktober 1941 erfolgte durch Himmler das Verbot der Auswanderung der Juden. Im November begannen die Deportationen der Juden in die eroberten und besetzten Gebiete des Ostens. Juden aus ganz Europa wurden dort in der Folge unter furchtbarsten Verhältnissen zusammengepfercht, die Arbeitsfähigen unter ihnen wurden bei unzureichender Ernährung bis zum Umfallen ausgebeutet. Die Maschinerie des industriellen Massenmordes wurde in Gang gesetzt. Die Aushebungen erfolgten bei Tag und Nacht, ohne vorhergegangene Verständigung. Nur wenige Stunden blieben den Menschen zum Verpacken ihrer wenigen Habseligkeiten. So tat die Hilfsstelle, was sie tun konnte: in einzelnen Fällen gelang es, Schützlinge von den Listen streichen zu lassen, oder wenigstens einen Aufschub zu erreichen. Die Abreisenden wurden mit Geld, Wäsche, Kleidung und Decken versorgt. 

Schon mit dem 1. September 1941 war die besonders niederträchtige „Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden" in Kraft getreten, die allen Juden, die das 6. Lebensjahr vollendet hatten, fortan untersagte, sich in der Öffentlichkeit ohne den Judenstern, der sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstückes fest aufgenäht zu tragen war, zu zeigen. Vergehen gegen diese Verordnung wurden mit Gefängnis und Deportation bestraft. Diese Massnahme traf die jüdische Bevölkerung besonders hart. Viele trauten sich nicht mehr, ihre Wohnungen zu verlassen, aus Furcht vor Belästigungen und Schikanen. Auch Tausende Katholiken jüdischer Abstammung waren davon betroffen. Die Antwort des Kardinals war sein Hirtenwort vom 17. September, in welchem er sich an alle wendet, die in Not sind und seine Katholiken „zur Liebe ohne Grenzen" ermahnt. 

Da es sicher war, dass alle Juden Wiens deportiert werden sollten, somit auch die „nichtarischen" Katholiken, wurde versucht, diese auf ihr zukünftiges Leben, allein, ohne Kirche und Priester, ohne Sakramente und Gottesdienst, vorzubereiten. Das Wertvollste, was diesen Menschen mitgegeben wurde, war, im Einvernehmen mit Kardinal Innitzer, ein Behälter mit Hostien, für die Stunden äusserster Not und Gefahr. h111_042

Gedenktafel für Kardinal Innitzer und die Hilfsstelle. Foto: H. Lang. Mit freundlicher Genehmigung: Kategoriale
Seelsorge (KtS) der Erzdiözese Wien.

Die meisten der Wiener Juden wurden zunächst nach Theresienstadt deportiert. Mit diesen entwickelte sich bald ein relativ intensiver Briefwechsel. Die Korrespondenz bedeutete für diese Menschen vor allem eine grosse seelische Hilfe. Ab Weihnachten 1942 wurde mit Paketsendungen nach Theresienstadt begonnen. Dort bildete sich im Lauf der Zeit eine kleine katholische Gemeinde, die sich zum grossen Teil aus Mitgliedern der Wiener Hilfsstelle zusammensetzte. Es wurden eine eigene Gemeindechronik und eigene Matriken geführt. Es wurden Gottesdienste und Vortragsabende, Glaubenskurse und Fürsorgedienste eingerichtet, und auf diese Weise konnte auch hier im Lager ein Minimum an Menschlichkeit und Würde aufrechterhalten werden. Sehr wichtig war aber auch hier die Verbindung mit der alten Heimat, wie zahlreiche Briefe und Karten, an die Hilfsstelle adressiert, die sich erhalten haben, beweisen. 

Die letzten Jahre der NS-Herrschaft standen unter dem Zeichen der Kriegsereignisse, der sich ständig verschlechternden Versorgung, der immer stärker einsetzenden Bombenangriffe, und schliesslich am Ende der näher rückenden Front. Viele Juden kamen verstört in die Hilfsstelle, weil sie sich mit dem gelben Judenstern nicht in die Luftschutzkeller trauten. 

Das Ende des Krieges und damit der NS-Herrschaft brachte auch das Ende der Nürnberger Gesetze und aller übrigen unmenschlichen Ausnahmebestimmungen für die Juden. Es gab nun keine Gestapo mehr und keinen Judenstern. Die Hilfsstelle, die den Krieg und das „tausendjährige Reich" überdauert hatte, konnte wieder frei arbeiten, die sowjetische Besatzungsmacht behinderte ihre Arbeit nicht. Ihre Arbeit erreichte nun noch einmal einen Höhepunkt, da viele ausländische Hilfsaktionen nicht wussten, dass auch Katholiken jüdischer Abstammung genauso verfolgt worden waren, wie ihre mosaischen „Rassegenossen". Daher sassen die „nichtarischen" Katholiken wieder zwischen sämtlichen Stühlen. Zu dieser Zeit ging dann die Hilfsstelle in der Caritas der Erzdiözese Wien auf. 

So kann man zusammenfassend feststellen: als Einzelperson hat Kardinal Innitzer, in Zusammenarbeit mit seinem Team, welchem er die Arbeit in prinzipieller und finanzieller Hinsicht ermöglicht hat, Hunderten sogenannten „nichtarischen" Menschen das Leben gerettet. Als katholischem Bischof mögen ihm die nichtarischen Katholiken vielleicht mehr am Herzen gelegen sein. Als Mensch, der eingebunden war in das nationalsozialistische Schreckensreich, hat er - in bewusstem Widerstand gegen das menschenverachtende Regime - Menschen gerettet, ohne Rücksicht auf Religion und „Rasse"

Kardinal Innitzer war es noch vergönnt, das Endes des Krieges und damit auch des Nationalsozialismus 1945, die Wiedereröffnung des Stephansdomes 1952, sowie den Staatsvertrag des Jahres 1955 zu erleben. Er starb am 9. Oktober 1955 in Wien. 

Zu diesem Text wurden der Redaktion zwei Leserbriefe übermittelt, die hier gerne wiedergegeben werden:

Hochgeschätztes Büro Bischof Scharl!

Mit grossem Interesse und mit Dank habe ich die exzellente Abhandlung von Frau Dr. Annemarie Fenzl  rezipiert. In meinem Buch: "Heil Hitler"- Pastoral bedingt, vom Jahre 2009 habe ich auf S. 200ff. diesbezüglich eingehend Stellung genommen. Nichts davon ist bis heute historisch-wissenschaftlich überholt.

Ganz wichtig in diesem Konnex ist aber  die Antwort auf die Frage:

Bleibt  ein getaufter Jude noch ein Jude,  oder wird er durch die Taufe Christ bzw. Katholik. 

Die nichtarischen Christen  in Innitzers Hilfsstelle waren getaufte Juden, nur solche suchten  ebendort Hilfe und fanden Schutz, solange es überhaupt noch möglich war.

In der Hoffnung, dem Wunsch von Herrn Bischof Scharl  Genüge getan zu haben, grüsst mit besten Wünschen in Ergebenheit 

Maximilian Liebmann

Sehr geschätzter Herr RR Ilan BERESIN!

Em. UProf. Dr. LIEBMANN vertritt in seinem Kurzkommentar offensichtlich die Ansicht, dass nur getaufte Juden in der Eb. Hilfsstelle Hilfe suchten. Aus den Ausführungen von Frau Dr. FENZL und aus der Gedenktafel kann (mindestens: könnte) man aber auch entnehmen, dass jüdische Mitbürger, vor allem katholischer Konfession, aber nicht nur sie, Hilfe suchten. Das heisst, recht wahrscheinlich suchten ebenso jüdische Mitbürger anderer christlicher Konfessionen, und wohl auch jüdische Mitbürger nicht-christlicher Konfession Unterstützung in ihrer furchtbaren Not! Das scheint noch deutlichere Forschungsmaterie sein zu können.

Vorerst jedenfalls Danke für die Anfrage bezüglich eines Artikels zu Kardinal Innitzer & d. Eb. Hilfsstelle sowie ihren Hilfestellungen, aber auch G"TTES hilfreichen Beistand in der Spur des HERRN darf ich erbitten!

Ihr aufrichtig dankbarer Bruder als Mensch & als jüngerer Bruder im Glauben an den Einen & Einzigen G"TT, den HERRN!

+ Franz Scharl, WB

Hinweis: 

Von 09. Juni bis 10. Juli 2015 zeigte die Kategoriale Seelsorge (KtS) der Erzdiözese Wien in Zusammenarbeit mit dem Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes (DÖW) „Wo Unrecht zu Recht wird, wird Widerstand zur Pflicht" (Berthold Brecht). Ausstellung in Erinnerung an die Katholikinnen und Katholiken im Widerstand gegen den Nationalsozialismus. Die Eröffnung fand mit Weihbischof Franz Scharl, dem Leiter des DÖW Gerhard Baumgartner sowie dem Geschäftsführer der KtS Martin Wiesauer statt.