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Ausgabe 111

Bundeskanzler Christian Kern im Gespräch

Monika KACZEK


Nach Stationen im Journalismus und als Mitarbeiter im Parlament und Bundeskanzleramt startete Christian Kern 1997 seine Laufbahn in der Energiewirtschaft. Beim Verbund, dem grössten Energieversorger Österreichs, stieg er bis zum Konzernvorstand auf (2007). Von dort wechselte er 2010 als Vorstandsvorsitzender zu den ÖBB. In dieser Funktion war er ab 2014 auch Chairman des Europäischen Eisenbahnverbandes CER (Community of European Railways) mit Sitz in Brüssel. Unter dem Titel „Verdrängte Jahre" arbeiteten die ÖBB ab 2011 die Rolle der Bahn während der NS-Zeit auf.

Kern wurde am 4. Jänner 1966 in Wien geboren. Er absolvierte das Gymnasium Gottschalkgasse in Wien-Simmering und studierte Soziologie, Politikwissenschaften und Publizistik- und Kommunikationswissenschaften an der Universität Wien. 

Christian Kern ist verheiratet und Vater von vier Kindern. Seit dem 17. Mai 2016 ist Christian Kern Bundekanzler Österreichs und seit dem 25. Juni 2016 Parteivorsitzender der SPÖ.

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Christian Kern, Bundeskanzler der Republik Österreich seit 17. Mai 2016. Foto: Andy Wenzel. Mit freundlicher Genehmigung BKA.

DAVID: Während Ihrer Tätigkeit als Vorstandsvorsitzender der ÖBB-Holding initiierten Sie die Ausstellung Verdrängte Jahre, in der die Rolle der Bahn in der NS-Zeit untersucht wurde. Im Jahre 2013 wurden Sie dafür mit der Marietta und Friedrich Torberg-Medaille der Israelitischen Kultusgemeinde Wien ausgezeichnet. Welche Motivationen und Faktoren waren ausschlaggebend für diese dringende Aufarbeitung?

Bundeskanzler Kern: Ich habe es zuerst für ausgeschlossen gehalten, dass es für die Zeit von 1938 bis 1945 bei der Bahn einen blinden Fleck gibt. Aber es war so. Als wir das feststellten, war vollkommen klar, dass wir die Aufarbeitung angehen müssen. Aus Verantwortung gegenüber den Opfern und deren Hinterbliebenen. Aber auch gegenüber den Eisenbahnern, die sich überproportional im Widerstand engagiert haben, ums Leben gekommen sind und ihre Familien zurückgelassen haben. Wichtig war, dass wir die junge Generation im Unternehmen intensiv in das Projekt eingebunden haben, Lehrlinge waren stark beteiligt. Denn es geht darum, dass nicht vergessen wird. Wenn die Zeitzeugen einmal nicht mehr unter uns sind, dann müssen andere die Fackel der Erinnerung weitertragen.

DAVID: Mit Entsetzen beobachten wir in ganz Europa einen stärker werdenden Rechtsruck innerhalb der Gesellschaft und der Politik. Besonders in der Anonymität der sozialen Medien tauchen immer wieder erschütternde rassistische und menschenverachtende Meldungen auf. Gruppierungen, wie die AfD in Deutschland, schrecken auch vor antisemitischen Vergleichen nicht zurück. Erklärungsmodelle für diese Gesinnung kann man finden, doch es stellt sich die Frage, wie man mit diesem Gedankengut umgehen soll.

Bundeskanzler Kern: Mich besorgt, dass wir eine massive Verrohung der Sprache erleben, eine unglaubliche Respektlosigkeit, die Bereitschaft, persönlich vernichtend mit Personen umzugehen. Wir wissen aus der Geschichte, dass der Gewalt der Worte irgendwann die Gewalt der Taten folgt. Die Antwort ist: Stärken wir die Demokratie, stärken wir das österreichische Modell einer sozialen, weltoffenen Gemeinschaft. Wir müssen vermitteln, dass es ein gemeinsames Ziel gibt, das uns verbindet und vereint.

DAVID: Diesen September erschien im Online-Portal Social Europe Ihr Artikel Repowering Europe: How To Combat Austerity, Alienation and Brexit,1 wo Sie - besonders im Hinblick auf die Folgen des Brexit - neue Allianzen in Europas Politik fordern. Wie können Bürgerinnen und Bürger, hier vor allem die jungen Menschen, für diese Ideen gewonnen werden?

Bundeskanzler Kern: Am besten mit konkreter Politik, die ihnen Perspektiven gibt. Europa muss das Wohlstands- und Sicherheitsversprechen, mit dem die Europäische Union gross geworden ist, erneuern. Wir müssen mehr investieren, in Jobs, Infrastruktur und Bildung, unsere Grenzen schützen. Wenn wir in Europa gemeinsam die Probleme angehen und lösen, dann kann Europa wieder ein Kontinent der Hoffnung werden. 

DAVID: Zum Abschluss würden wir Ihnen gerne eine Frage zu Ihren literarischen Vorlieben stellen. Welches Buch würden Sie gerne auf die sprichwörtliche einsame Insel mitnehmen?

Bundeskanzler Kern: Da gibt es zu viele Bücher, die mich faszinieren. Ich hoffe, man gestattet mir einen grossen Koffer für die Reise.  

DAVID: Vielen Dank, Herr Bundeskanzler, für das interessante Gespräch.

1 https://www.socialeurope.eu/2016/09/europe-must-become-fair-again/