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Ausgabe 111

Der "Judenkaiser"

Franz Joseph und die Juden

Karl VOCELKA


Das Revolutionsjahr 1848 hatte nicht nur für die Gesamtmonarchie und für Franz Joseph, der am 2. Dezember 1848 zum Herrscher wurde, große Bedeutung, sondern auch für die Juden der Monarchie. Mit Adolf Ephraim Fischhof und Josef Goldmark waren Angehörige dieser Gruppe in führender Position politisch aktiv und eine Gleichstellung der jüdischen mit der christlichen Bevölkerung schien sich anzubahnen. Auch nach der Niederwerfung der Revolution und dem Übergang zum Neoabsolutismus unter der Regierung des jungen Kaisers Franz Joseph wurden viele Probleme der Emanzipation der Juden, wie Religionsfreiheit, die Gleichheit aller Staatsbürger, die Beschäftigung christlicher Bediensteter in jüdischen Häusern, die Aufhebung des Eheverbots zwischen Christen und Juden, das aktive und passive Wahlrecht für Juden oder ihre Berufsmöglichkeiten als Rechtsanwälte, Lehrer etc. und vor allem die Möglichkeit des Erwerbs von Grundbesitz heftig diskutiert. Unterschiedliche Politiker der 1850er Jahre vertraten ganz konträre Standpunkte. Wenn Franz Joseph aber selbst Entscheidungen traf, kamen diese häufig den Forderungen der jüdischen Bevölkerung nach; obwohl Vorbehalte der einzelnen Länder bezüglich der Zuwanderung von Juden und ihrer Möglichkeit Grund und Boden zu erwerben, bestanden, äußerte er sich oft im Sinne der jüdischen Wünsche. Besonders schlimm zeigte sich die Lage in Ungarn, wo die Gesamtbevölkerung unterdrückt wurde und man vor allem die Juden der Mitwirkung an der Revolution beschuldigte. Julius von Haynau, der als besonders grausamer Militärbefehlshaber in die Geschichte einging, verlangte von den jüdischen Bewohnern Pests (eine der beiden Städte, aus denen 1873 Budapest entstand) Kontributionen von 2,3 Millionen Gulden, eine Forderung, die Franz Joseph zwar nicht aufhob, jedoch auf die Hälfte reduzierte.h111_034

Das Grabmal von Adolph Fischhof in der alten jüdischen Abteilung des Wiener Zentralfriedhofs bei Tor 1. Foto: T. Walzer, mit freundlicher Genehmigung.

Die Zeit bis zur Krise des Staates und seines Herrschers 1859 mit der Niederlage gegen Piemont-Sardinien und Frankreich brachte einen Zickzackkurs in der Politik gegenüber den Juden, in dem Franz Joseph allerdings die Gleichbehandlung - wenn auch nicht völlig energisch - verteidigte und immer wieder versicherte, man werde die „billigen Wünsche" der jüdischen Bürger berücksichtigen.

In den 1860er Jahren und dem beginnenden Liberalismus in der Monarchie, verbesserte sich dann zwar einerseits ihre Position durch die völlige Gleichstellung in der Dezemberverfassung 1867, doch andererseits mehrten sich die Polemiken und eine immer stärker werdende Ablehnung der Bevölkerung mosaischen Glaubens verbreitete sich. Wenig später, in den 1870er Jahren, kam dazu die Rezeption des Rassen-Antisemitismus, der sich mit den alten Elementen des christlichen Antijudaismus verband. Franz Joseph lehnte diesen Antisemitismus ab. Er erhob, gegen diesen Trend, Juden in den Adelsstand, verlieh ihnen Orden und machte Anselm von Rothschild sogar zum Mitglied des Herrenhauses. Als eine Aufführung einer Oper von Karl Goldmark, des Bruders des Revolutionärs von 1848, verhindert werden sollte, kommentierte der Kaiser: „Wenn die Oper gut ist, soll sie auch aufgeführt werden."

Auf vielen anderen Ebenen des Staates, in den Ländern, in denen die Juden dem Anpassungsdruck unterschiedlicher Nationalitäten ausgesetzt waren, und vor allem in der reaktionären katholischen Kirche unter Papst Pius IX., aber auch des alten Lehrers des Kaisers, Kardinal Joseph Othmar von Rauscher, des Fürsterzbischofs von Wien, hatte sich ihre Ablehnung verschärft. Besonders gravierend waren die Vorwürfe des Ritualmordes, wie z. B. 1882 in Tisza-Eszlár in Ungarn, von denen eine breite Welle der Propaganda ausging. Franz Joseph sprach sich in einer Rede vor ungarischen Klerikern scharf gegen die Verfechtung des Antisemitismus von Klerikern aus, die Ritualmordprozesse selbst verurteilte er als "eine Schande und einen Skandal". Auch dem Ministerpräsidenten Graf Eduard Taaffe gegenüber positionierte er sich eindeutig: „Ich dulde keine Judenhetze in meinem Reiche. Jede Antisemitismusbewegung muss sofort in ihrem Keime erstickt werden." Ein anderes Mal verließ er demonstrativ das Theater wegen eines judenfeindlichen Couplets, was zusammen mit vielen anderen Stellungnahmen zu seiner Beliebtheit in jüdischen Kreisen beitrug, während ihn die Antisemiten als „Judenkaiser" beschimpften.

Die Praxis in der Monarchie sah allerdings anders aus, denn der Judenhass nahm in den 1880er Jahren in der Bevölkerung und unter den Politikern weiter zu. Dabei war es nicht nur der eindeutig rassische Antisemitismus der Deutschnationalen, sondern auch der radikale Antisemitismus Karl Luegers und der Christlichsozialen, der neben ökonomischen und christlichen durchaus rassistische Züge aufwies. Viele christlichsoziale Politiker, wie Robert Pattai oder Alois Liechtenstein vertraten ebenso wie Karl Lueger einen „Radau-Antisemitismus" mit der Verbreitung radikaler Parolen. Franz Joseph bestätigte Lueger erst nach seiner vierten Wahl zum Bürgermeister Wiens und hatte mit der mehrfachen Verhinderung von dessen Amtshebung die Stadt vor antisemitischen Spannungen schützen wollen. Unter der Regierung Luegers gab es dann in Wien viele judenfeindliche Maßnahmen, denen der Kaiser allerdings nicht entgegentreten konnte. Auch in anderen Kronländern, wie etwa in Böhmen kam es zu blutigen Unruhen und zu erneuten Ritualmordprozessen, die Franz Joseph als „eine Schmach für mein Reich" bezeichnete.h111_039

Der Komponist Carl Goldmark. Quelle: Adolph Kohut, Berühmte israelitische Männer und Frauen in der Kulturgeschichte der Menschheit, Leipzig-Reudnitz 1900, Band 1, Seite 17.

Daneben muss man jedoch anmerken, dass der Monarch selbst sich auch nicht ganz frei von Vorurteilen gegenüber Juden zeigte, wenn er z. B. feststellte, dass Ischl schöner wäre, „wenn weniger Badegäste und Juden dort wären" oder wenn er bei seinem Besuch im Heiligen Land im Rahmen seiner Orientreise 1869 in einem Brief schrieb: "Leider sind die Juden vorherrschend und zwar darunter eine Menge österreichischer Unterthanen, die sich durch ihr patriotisches Geschrei nicht eben angenehm hervortaten."

So war er, der ja auch den Anspruchstitel König von Jerusalem führte, trotz seiner Haltung als „Schutzengel und Heiliger" der jüdischen Bevölkerung ab den 1880er Jahren, ein Kind seiner Zeit. Dennoch blieb sein Bild vor allem bei den Schriftstellern jüdischer Herkunft nach dem Ende der Monarchie ein überaus positives und verband sich vor dem Hintergrund faschistischer Judenhetze der Zwischenkriegszeit mit der Sehnsucht nach der „Welt von Gestern", die in vielen Werken der Literatur dieser Zeit ein dominierender Gedanke war.