Aktuelle Ausgabe

Archiv

Buchrezensionen

Leserbriefe
Termine

Abonnements
Spenden

Der Verein
Links

Kontakt

 

Suche

 

 


Artikel:


Buchrezensionen:

Ausgabe 102

Die ganze Welt in Zahlen:

Die hebrische Bibel – weit mehr als nur ein einfacher Text!

Miriam Magall


Jona Kirchner: Die Summe der Eins ist Dreizehn. Eine Einführung in die Symbolik der Hebräischen Bibel.

GRIN 2014.

208 Seiten, Euro 29,99 [D]

ISBN: 978-3-656-28943-2

Das sollte man schon wissen: Die hebräische Bibel ist mehr als eine Aneinanderreihung von Wörtern, um Sätze, Absätze, Kapitel und drei Bücher zu bilden - wobei das erste davon, die Thora, der Text ist, mit dem Jona Kirchner sich in ihrem informativen Buch eingehend beschäftigt. Nur Fundamentalisten lesen die Bibel auf lediglich einer Ebene; jahrhundertelang haben sich dagegen jüdische Gelehrte mit ihren verschiedenen Ebenen befasst, sie studiert und sind dabei auf immer neue Bedeutungsebenen gestossen. Dabei handelt es sich, das betont Kirchner ausdrücklich, um keine Geheimsprache, um nichts Esoterisches, vielmehr sind die symbolischen Strukturen in den Tiefenschichten der Bibel nur wiederzuentdecken, genau wie die Kommentare, die ganze Bibliotheken füllen und jedermann zugänglich sind.

Statt einer Inhaltsbeschreibung seien lediglich einige Punkte herausgegriffen, um zu veranschaulichen, was sich dem Leser im Laufe der Abhandlung an ihm vermutlich neuem Wissen offenbart. Wir lernen etwas über die Zeit, in der sich die Personen der hebräischen Bibel bewegen: Adam und Eva, Kain und Abel. Sie lebten vor ungefähr 12.000 Jahren, also im Neolithikum, der Jungsteinzeit. Danach machen wir einen Sprung in die Bronzezeit, 3.200-1.200 v.d.Z. Damals erbaut Kain die Stadt Henoch (Gen. 4,17). Und ein weiterer Sprung bringt uns noch einmal voran, in die Eisenzeit, 1.200-600 v.d.Z., zu Tubal Kain, zum Vater der Erz- und Eisenschmiede. In insgesamt vier Genealogien gewinnen wir Einblicke, wie sich die Menschheit entwickelt.

Dabei erfährt der Leser von dem Einen G-tt mit seinen zwei Eigenschaften, wie sie seine beiden Namen andeuten: Da gibt es „Elohim", was nichts anderes als die personifizierte Gerechtigkeit ist, und das Tetragramm JHWH, das ein traditioneller Jude nie in den Mund nehmen würde; es ist ein Ausdruck der Liebe. Und damit stellt Kirchner etwas sehr Wichtiges klar: Es gibt den Einen G-tt, und er ist Gerechtigkeit und Liebe zugleich, ausgedrückt durch seine beiden Namen. Wo, so fragt man sich, ist da der „Stachel des rachsüchtigen Gottes"!?

Und dieser Eine G-tt erscheint drei Menschen höchstpersönlich: Einmal auf dem Sinai. „Und es stiegen hinauf Mosche und Aharon, Nadab und Abihu und siebenzig von den Ältesten Jisraels. Und sie sahen den G-tt Jisraels, und dass unter seinen Füssen war wie ein Werk aus leuchtendem Saphir, und wie der reine Himmel an Klarheit" (Ex. 24, 9-10). Das geschieht um das Jahr 1447 v.d.Z., kurz nach dem Auszug aus Ägypten. Der Prophet Jesaja - wir befinden uns mittlerweile im 8. Jh. v.d.Z. und im Tempel in Jerusalem - berichtet von seiner Begegnung mit G-tt: „Im Todesjahre des Königs Usijahu, da sah ich den Herrn sitzen auf hohem und erhabenem Throne, und seine Schleppen erfüllten den Tempel" (Jes. 6,1).  Der dritte Mensch, der den Einen G-tt zu Gesicht bekommt, ist ein weiterer Prophet, Ezechiel, der den Letzten Propheten zugezählt wird. Er lebt im babylonischen Exil im 6. Jh. v.d.Z.: „Am fünften des Monats ... erging das Wort des Ewigen an Jeheskel ... im Lande Kasdim, am Strome Kebar, und es kam dort über ihn die Hand des Ewigen. Und ich sah, und siehe, ein Sturmwind kam von Mitternacht her, ein grosses Gewölk ... Wie der Bogen anzusehen, der in einer Wolke ist an einem Regentage, so war anzusehen der Strahlenkranz ringsum; das war der Schein von dem Bilde der Herrlichkeit des Ewigen" (Ez.1,3-4,29).

Und, wird der Leser fragen, wie kommt es zu dieser eigenartigen Rechnung: Die Summe der Eins ist Dreizehn? Ganz einfach. Kirchner verrät ihre Rechenweise: Da echad, das hebräische Wort für Eins, aus drei Buchstaben besteht: aus dem Aleph mit dem Zahlenwert 1, dem Cheth mit dem Zahlenwert 8 und dem Daleth mit dem Zahlenwert 4 erhalten wir notgedrungen als Summe die Dreizehn.

So überraschend wie diese Rechnung sich präsentiert, wird der Leser auch gespannt Kirchners Ausführungen folgen, die ihn durch den Kosmos der hebräischen Bibel führen. In fünf nützlichen Exkursen ist zusätzlich Interessantes über den Zusammenhang zwischen Jacobs Segen und dem Tierkreis zu erfahren, ebenso wie über den Dekalog, die dreizehn Eigenschaften Gottes sowie über das Gebet Schma Jisrael und den Segen des Mose. Am Ende der Abhandlung wird man bestätigen können: Ja, die hebräische Bibel ist viel mehr, als das, was sich dem ersten Blick bietet. Danke dafür, Jona Kirchner, dass Sie uns die Augen geöffnet haben!